Das Thema Schmerz hat für jeden eine eigene Bedeutung. Jeder wird auch seine eigenen Erfahrungen gemacht haben dazu. Wo für den einen Schmerz eine sexuelle Stimulanz bedeuten kann, ist es für den anderen ein täglicher Begleiter bei seiner schweren Krankheit. Wieder ein anderer kommt über einen tiefen Kummer nicht hinweg und trägt somit diesen seelischen Schmerz mit sich herum. Zu letzteren gehöre ich.

Ich trage seit einiger Zeit einen tiefen Schmerz mit mir herum. Er ist über viele Jahre hin Stück für Stück gewachsen und ich war mir dessen nie bewußt. Worum es genau geht will ich mal erzählen.

Meine Mutter hat irgendwann einmal angefangen meinen Vater wie Dreck zu behandeln. Wann genau das war, ich weiß es nicht genau. Es muß jedenfalls dann gewesen sein, als sie aufhörte ihn zu lieben. Was sie nur noch an ihm liebte, war sein Geld. Mein Vater war Industriemeister in einem bekannten Chemiekonzern und verdiente ca. 6500 DM netto! Die brachte er nach Hause und meine Mutter gab sie aus. Wir hatten irgendwann gebaut und ein eigenes Haus. Meine Mutter sah die Nachbarsfrauen, die freilich Unternehmer als Ehemänner hatten und weitaus mehr Kohle nach Haus brachten als mein Vater. Wenn diese Frauen sich neue Wohnzimmergarnituren kauften, mußte es auch bei uns neue Möbel geben. Wenn nebenan ein neues Auto vor der Tür stand, dann mußte auch bei uns ein neues her. Wenn zu Geburtstagen nebenan große Buffets und Spanferkel geliefert wurde, dann mußte dies selbstverständlich auch bei uns so sein. Immer schön mithalten. Koste es was es wolle. Doch logischerweise reichte der Verdienst meines Vaters nicht. So wurden Kredite aufgenommen. Einer nach dem anderen. Dann kamen meine Eltern mit ihren Hypotheken aus dem Festzins raus und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Hypothekenzinsen so hoch waren wie nie. Das Ende vom Lied war, das ihnen nur noch 400 DM monatlich zum leben blieben! So weit hatte sie es getrieben.

Ich war froh, daß ich zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr zuhause lebte. Das wäre schief gegangen. Also rief meine Mutter einen Makler an und wollte das Haus verkaufen. Schock lass nach! Sie hat meinen Vater eigentlich nicht groß gefragt. Es wurde einfach eingeleitet, so sehr mein Vater auch protestierte. Ich konnte ihn verstehen. Er hatte das Erbe seiner Eltern in dieses Haus gesteckt und mein Erbe steckte auch dort drin, ich hatte mich damit einverstanden erklärt, weil meine Mutter mir versicherte, das Haus würde ich ja mal erben. Nun, dazu sollte es dann wohl doch nicht kommen. Meine Mutter wollte das Haus unbedingt loswerden. Für sie war es nur noch ein Sündenbock für ihr eingeschränktes Leben. Das sie selbst das Geld verpraßt hatte, indem sie die ganzen Anschaffungen machte, teure Designer-Porzellanpuppen sammelte und in der Spielhölle ständig hunderte von DM verspielte, das wollte sie nicht wahrhaben.

Mein Vater besuchte mich in dieser Zeit oft, während der Makler versuchte einen Käufer zu finden. Ich weiß nicht wie oft er allein kam und sich verzweifelt in mein Wohnzimmer setzte. Das war ungewöhnlich, daß mein Vater allein jemanden besuchte. Normalerweise ließ meine Mutter ihn nie allein irgendwo hin. Doch er hatte jetzt stets einen Vorwand gefunden. Ich lebte zu dieser Zeit in meiner 2 1/2 Zimmer-Wohnung einige Straßen von meinen Eltern entfernt, mit meiner kleinen Tochter, die ungefähr 1 Jahr alt war. Einen Partner hatte ich nicht mehr, der hatte mich verlassen, als es hieß ich sei schwanger. Aber ich habe es auch ohne ihn geschafft. Mittlerweile hatte ich meinen heutigen Mann, DarkAsgard, kennengelernt und wir trafen uns öfter. So saß nun also mein Vater bei mir und jammerte, das er das Haus nicht verkaufen wolle. Unser Erbe stecke doch darin, ob mir das denn gar nichts ausmache? Doch, das tat es, aber ich sagte, daß es mir nicht um mein Geld gehe, sondern um ihn. Wenn er den Verkauf nicht möchte, dann solle er doch meiner Mutter strikt sagen was Sache ist. Er antwortete, daß meine Mutter ein Riesentheater abziehen würde und mit Scheidung drohte, wenn das Haus nicht verkauft wird. Dann müsse er Unterhalt zahlen und das Haus sowieso verkaufen. Ich war betroffen und ratlos.

Mein Vater weinte! Das kannte ich nicht von ihm. Das letzte Mal wo ich ihn weinen sah, war jeweils beim Tod seiner Eltern. Mit meinen 21 Jahren war ich noch sehr unerfahren und hilflos, was sollte ich nun meinem Vater noch raten? Ich grübelte über eine Lösung, doch es wollte mir nichts anderes einfallen, als sich einfach gegen die Entscheidung meiner Mutter zu stellen, schließlich gehörte das Haus zur Hälfte doch ihm. Es tat mir weh, meinen Vater so leiden zu sehen und nicht helfen zu können. Ich war noch nicht selbstbewußt genug, um da mal auf den Tisch zu hauen. War ich doch gerade dabei mein eigenes Leben auf die Reihe zu bekommen.

Die Monate vergingen, ich war inzwischen verlobt und die Hochzeit war für den 13. Dezember angesetzt. Da kam die Nachricht von meinem Vater, das Haus sei verkauft! Ich war schockiert. Nun war es also weg. Für immer. Das Haus, in dem ich meine Jugend verbrachte, in dem ich meine Schwangerschaft verlebte, in dem meine Tochter ihre ersten Lebenswochen erlebte. Mir tat es auch weh und ich war wütend auf die Leute die es gekauft hatten. Sie hatten eine Tochter in meinem Alter und ich haßte sie dafür. Sie würde MEIN Zimmer bewohnen und auf MEINEM Balkon herumspazieren, in MEINER Dusche duschen und MEINE Toilette benutzen, (denn ich hatte eine komplette Etage für mich gehabt in dem Haus). Furchtbar! Und so ähnlich dachte mein Vater wohl auch. Er war fix und fertig. Resignierte und wurde immer stiller. Er war immer ein Ausbund an Humor, lachte viel und oft und war immer zu Scherzen aufgelegt. Das war nun nicht mehr so. Er lachte und scherzte nicht mehr und das tat mir weh. Mit dem Haus war auch das verschwunden. Und wie es sich zeigen sollte, würde es auch nie wieder so wie früher werden.

Nun zogen also meine Eltern in eine Wohnung um und ich heiratete. Finanziell ging es meinen Eltern nun wesentlich besser, sie behielten vom Hausverkauf jeder 30 000 DM übrig. Es sollte jeder sich dafür einen sehnlichen Wunsch erfüllen, ganz für sich allein, ohne Einmischung des anderen. Meine Mutter bestellte sich doch tatsächlich eine maßgeschneiderte Küche in dieser Summe. Für eine Mietwohnung!! Nunja, es war ihr Geld und wir schüttelten nur mit dem Kopf. Gespart wurde von ihr nichts, die Summe ging ziemlich glatt auf. Der Küchenverkäufer, ein ehemaliger Nachbar, der ein Küchenstudio besaß, beherrschte sein Handwerk.

Mein Vater wollte von dem Geld einen neuen Audi kaufen. Er war schon immer ein totaler Audi-Fan. Also fuhr er zum Audi-Händler und sah sich einige Modelle an. Sein damaliger Audi sollte in Zahlung gehen, so würde er noch etwas übrig behalten. Davon wollte er mit meiner Mutter dann eine Urlaubsreise machen. Mit Prospekten kam er wieder heim und studierte sie am Kaffeetisch. Meine Mutter sah das und fing an zu labern das er sich das doch mal genau überlegen solle, sie könne so ein großes Schiff doch gar nicht fahren, ob ein Golf nicht viel praktischer wäre? Laber, laber,laber. Sie hatte wie immer Erfolg. Die Prospekte landeten im Müll, neue wurden besorgt. Mein Vater entschied sich dann für einen Golf in der Lackfarbe, in der er den Audi haben wollte. Es wäre zumindest die Farbe die er so toll fand. Nunja, meine Mutter sah das anders. Rot würde viel besser sein. Dunkel ist unfallgefährdend, sieht doch keiner. Rot leuchtet. (Und sieht ätzend weibisch aus!) Das Ergebnis war dann ein knallroter Golf der gekauft wurde. So hatte meine Mutter auch den Wunsch meines Vaters aufgebraucht. Sie hat im Prinzip Wünsche im Wert von 60 000 DM bekommen. Und mein Vater hatte nichts!

So ging das immer. Welche Möbel gekauft wurden, entschied meine Mutter. Die Wünsche meines Vaters nach einer lederbezogenen Eßzimmergarnitur wurden weggewischt. Wohin es in den Urlaub ging, entschied meine Mutter. Das dreckige Ausland kam nicht in Frage, das Allgäu mußte es sein. Wurden Dekogegenstände gekauft, so zählten nur die Wünsche meiner Mutter. Es tummelten sich Porzellanpuppen, Wandteller und teure Zinnsachen auf Regalen überall in der Wohnung. Doch nicht ein Teil war von meinem Vater. Es war, als lebe er gar nicht in dieser Wohnung. Er hinterließ dort keine persönlichen Spuren. Alles war nur von meiner Mutter. Schlimm.

Dann ging mein Vater in den Vorruhestand. Nun war er immer zuhause und so mußte er schön den Tagesablauf meiner Mutter mitmachen. Wenn sie ihre blöden Serien wie "Reich und Schön" schaute, mußte er das auch. Mittagsschläfchen hatte er auch zu machen. Widerspruch zwecklos. Wie nicht müde? Kann nicht sein, schlaf! Ich versuchte mir immer vorzustellen wie das wohl sein mußte. Ich wäre wohl Amok gelaufen! Meine Mutter ist in Wahrheit ein Borg, sie hat meinen Vater einfach assimiliert.

Der Vorruhestand wechselte dann über in Rente. Oha! Nun gings ans Geld. Nicht mehr so wie früher, nun war es ordentlich weniger. Darum behandelte sie meinen Vater wie den letzten Dreck. Sie beschimpfte ihn, beklagte sich was für ein Versager er wäre und wie arm sie doch nun wären. Durch seine Schuld. Das war schlicht eine Frechheit, denn sie hat die Aktien, die mein Vater für den Ruhestand angelegt hatte, auch verpraßt. Sie hatte nichts gespart und nun beklagte sie sich. Ich kochte immer vor Wut, wenn ich das hörte.

Dann wurde mein Vater krank, er hatte Krebs. Er wurde operiert und mußte sich schonen. Bekam später Chemo und war natürlich ziemlich geschlaucht deswegen. Meine Mutter hat sich wieder beklagt, er könne ihr nun ja nicht mehr im Haushalt helfen. Sie schikanierte ihn, schubste ihn rum und schrie ihn an, wenn er was verschüttete. Näheres dazu könnt ihr bei "Hass" auf dieser Webseite nachlesen.

Nun ist mein Vater tot, er hatte einfach beschlossen zu sterben und damit endlich aus diesem unwürdigen Leben zu gehen und ich kann ihn ja so verstehen. Er hat mich verlassen, aber ich kann es ihm nicht verdenken. Es ist nur besser so für ihn. Keine Krankheit mehr und kein Hausdrachen mehr. Was kann es besseres geben?

Was ich nun mit mir herumschleppe, ist ein tiefer grausamer Schmerz. Ich habe nicht genug getan. Ich hab meinem Vater nicht genug geholfen und zur Seite gestanden. Vielleicht hätte ich doch was ändern können, vielleicht wäre es dann anders geworden. Nun hab ich keinen Vater mehr und ich fühle mich so schuldig. Diese Schuld brennt so tief in mir und es hört nicht auf. Nie werde ich das verwinden. Meine Schuld, das ich so untätig war, das ich zugelassen habe, das meine Mutter meinen Vater zerstört hat. Sowas nennt man, glaube ich, die Hölle auf Erden.